Der Nutri-Score kann beim Einkauf Orientierung geben, ist aber keine umfassende Bewertung eines Lebensmittels. Genau hier setzt eine wichtige Kritik an: Die Farben können wie ein abschließendes Urteil wirken. Pamsl betont deshalb: „Ein grünes A bedeutet nicht automatisch, dass ein Lebensmittel insgesamt ‚gesund‘ ist oder sich für jede Person und jede Mahlzeit gleichermaßen eignet.“ Ebenso wenig macht ein E ein Produkt grundsätzlich ungesund.
Für die praktische Anwendung bedeutet das: Vergleichen Sie ähnliche Lebensmittel miteinander, statt allein nach einem möglichst grünen Buchstaben auszuwählen. Beziehen Sie außerdem die tatsächliche Verzehrmenge und Ihren gesamten Speiseplan ein. Denn, so die Expertin: „Portionsgröße, Häufigkeit des Verzehrs und der übrige Speiseplan werden nicht abgebildet. Er ist deshalb eine Ergänzung – kein Ersatz für Zutatenliste, Nährwerttabelle und eine ausgewogene Ernährung.“
Auch persönliche Anforderungen lassen sich nicht aus dem Buchstaben ablesen. „Auch individuelle Bedürfnisse – etwa bei bestimmten Erkrankungen – kann die Kennzeichnung nicht berücksichtigen“, erklärt Pamsl. Wer aus gesundheitlichen Gründen auf bestimmte Nährstoffe oder Zutaten achten muss, sollte deshalb die entsprechenden Angaben auf der Verpackung gesondert prüfen.
Eine weitere Grenze ist der Verarbeitungsgrad: Er wird durch den Nutri-Score nicht direkt bewertet. Pamsl sieht hier Ergänzungsbedarf: „Ich fände es hilfreich, den Verarbeitungsgrad von Lebensmitteln zusätzlich sichtbar zu machen.“ Eine solche Information müsste jedoch klar von der Nährwertbewertung unterscheidbar sein. Die Expertin fordert eine ergänzende Kennzeichnung „mit klaren Kriterien und einer verständlichen Erklärung, damit sie nicht mit der Nährwertbewertung verwechselt wird“.
Nicht zuletzt sollte die Kennzeichnung mit Ernährungswissen verbunden werden. „Jedes Kennzeichnungssystem vereinfacht komplexe Informationen und hat Grenzen“, sagt Pamsl. „Sinnvoll wäre, ihn mit verständlicher Ernährungsbildung und weiteren Informationen zu kombinieren – etwa mit einem Blick auf Zutatenliste, Portionsgröße und Produktart.“
Diese Bildung sollte aus ihrer Sicht früh beginnen: „Schon Kindergartenkinder können spielerisch lernen, welche Lebensmittel häufig auf dem Speiseplan stehen sollten und welche eher gelegentlich passen. Solche Angebote können auch Familien erreichen: Kinder bringen neues Wissen mit nach Hause und regen Gespräche über Einkauf und Mahlzeiten an.“
Auch Lebensmittel ohne Nutri-Score, etwa unverpacktes Obst und Gemüse, gehören zu einer abwechslungsreichen Ernährung. Fehlt die freiwillige Kennzeichnung, lässt sich daraus keine schlechtere Nährwertqualität ableiten. Wer die eigene Ernährung nachhaltig verbessern möchte, kann sich Unterstützung holen: Eine Ernährungsberatung berücksichtigt persönliche Bedürfnisse, Gewohnheiten und Ziele und hilft dabei, alltagstaugliche Entscheidungen zu treffen.